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18.04.2017 15:04 Alter: 244 days

Hilfe dank sprechender Bücher

Wahlstedter Jugendliche organisieren Lernmaterialien für geflüchtete Kinder


Lothar Grabnitzki von Holsteins Herz und Kinder- und Jugendbeiratsvorsitzende Hannah Ralf freuten sich, dass die Sprachlernbücher so gut bei Media Kohodida (links vorn) und Hashar Qasim ankommen. Man hält den Stift über das Bild, und dann sagt eine Stimme, wie das heißt.

Miteinander sprechen zu können, ist die Basis für so mancherlei Fortschritt im menschlichen Zusammensein. Wie das geht und gefördert werden kann, zeigte vorbildlich der Kinder- und Jugendbeirat in Wahlstedt. In Kooperation mit einer ganzen Reihe von Akteuren haben Vorsitzende Sarah Ralfs und ihre Mitstreiter Sprachlernbücher für geflüchtete Kinder angeschafft. Bei den Erwachsenen hinterließen sie damit großen Eindruck. Tiptoi heißt die Buchreihe, die mit Hilfe von Digitaltechnik und einem eingebauten Lautsprecherchip Bilder und Texte zum Klingen bringt und so die deutsche Sprache vermittelt. „Man hält den Stift über das Bild, und dann sagt eine Stimme, wie das heißt", erklärte Hashar Qasim. Der 13-Jährige ist vor einem Jahr aus dem Irak gekommen und mochte die Bücher bei der Vorstellung gar nicht mehr aus der Hand legen. Seite um Seite blätterte er und führte den elektronischen Stift von Bild zu Bild, um immer neue Wörter aufzunehmen.

Weil der Kinder- und Jugendbeirat das Geld nicht aus eigener Kraft aufbringen kann, schmiedete er eine Kooperation aus Bücherei, Schulen, Jugendzentrum, Lionsclub, Stadtverwaltung und Aktivregion Holsteins Herz (Segeberg/Stormarn). Der Grundstein dazu wurde schon auf der GEWA im vergangenen Jahr gelegt. Dort hatten die Jugendlichen einen eigenen Stand aufgebaut und kamen so ins Gespräch mit Vertretern von Einrichtungen und Organisationen, die sich in Wahlstedt für Bildung und ein soziales Miteinander einsetzen. Den Löwenanteil der Kosten von insgesamt 650 Euro gab es aus dem Jugendfonds von Holsteins Herz. „Normalerweise fördern wir keine Projekte, die eigentlich Aufgabe der Kommune sind", sagte Lothar Grabnitzki, Mitglied im Beirat der Aktivregion, die EU-Fördermittel verwaltet. In diesem Falle habe er aber das Engagement der Jugendlichen würdigen wollen. Ein Weg wurde gefunden, indem die Bücher nicht ins Eigentum der Bücherei übergehen, sondern als Dauerleihgabe Eigentum des Kinder- und Jugendbeirates bleiben. Die Bücherei ist lediglich Standort, von dem anderen Einrichtungen die Bücher ausleihen können.
Da der Kinder- und Jugendbeirat auch den geforderten Eigenanteil in Höhe von 150 Euro aus dem eignen Etat und in Aussicht stehenden Sponsorengeldern bereitstellte, war damit der Weg für Holsteins Herz frei, 500 Euro aus dem Jugendfonds bei-zusteuern. Aus diesem Fonds werden Projekte gefördert, die dem Erhalt oder der Verbesserung der Lebensqualität dienen, Umweltbewusstsein fördern oder das Bildungs-, Präventions- und Freizeitangebot für Kinder und Jugendliche nachhaltig verbessern. Als erstes nahm Lehrerin Ulrike Stoffers die Bücher am Tag der Vorstellung mit in die Poul-Due-Jensen-Schule, wo sie Deutsch als Zweitsprache (DAZ) unterrichtet. Schon steht
aber die Helen-Keller-Schule, die Kindergärten und das Jugendzentrum in der Warteschlange, die die Bücher im Jugendzentrum auslegen will. 

Zwar behandeln die zehn Büchersets neben Themen wie „Raumfahrt", „Welt der Musik" und „Bauernhof" auch Lesen und Rechnen im 1. Schuljahr. „Aber die Bücher sind auch für ältere Kinder und Jugendliche aus geflüchteten Familien wichtig", erinnerte Anke Schallmo, Leiterin des Jugend-zentrums. „Einige haben ja in ihrer Heimat gar nicht schreiben gelernt oder mit arabischen Schriftzeichen und lernen jetzt unsere Schrift ganz neu." „Die akustische Lese- und Lernhilfe ist für Flüchtlingskinder besonders hilfreich", erkannte Lothar Grabitzki. Die Audiobücher seien aber auch „eine sinnvolle Bildungs-Alternative " in deutschen Familien, in denen nicht mehr vorgelesen wird. Großes Lob erhielt der Kinder- und Jugendbeirat von Bürgermeister Matthias Bonse. Das Engagement der Jugendlichen zeige, was auch diese Altersgruppe auf die Beine stellen kann.    von Detlef Dreessen

Quelle: Segeberger Zeitung, den 08.04.17